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Leitkulturen und Gegenkulturen

Ausgehend von Begriffen wie « Zeitgeist », « Leitkultur », « Vor- und Leitbilder » hat sich unsere Forschungsgruppe vorgenommen, ihre Forschungsthematik und die damit verbundenen Veranstaltungen auf die Dialektik zwischen herrschenden Kulturen und Subkulturen zu konzentrieren. Der Begriff der herrschenden Kultur soll hier als Referenz- bzw. Leitkultur begriffen werden, als eine auf Konsens bedachte Kultur, deren kodifiziertes Wertesystem darauf abzielt, einen Zentralisierungsprozess und eine integrative Dynamik zu initiieren und dadurch Mentalitäten zu vereinheitlichen. Subkulturen sind nicht nur am Rande des herrschenden Kulturprozesses angesiedelt, sie können sich auch als kulturelle Opposition, Dissidenz oder freiwillige Ausgrenzung profilieren, müssen es aber nicht. Mann kann sie gelegentlich unter den Begriff der « Gegenkultur » subsumieren, wenn sie eine antagonistische Position zur herrschenden Kultur beziehen, von der abzulösen sie sich berechtigt fühlen.

Die Vorstellung, dass eine bestimmte Kultur als « Leitkultur » fungieren kann, liegt sowohl älteren als auch neueren Debatten zugrunde. Wenn der Begriff aber für Ausländerfeindlichkeit, ethnische Säuberung oder gar Holocaust, für Diktatur, Intoleranz, Versklavung und koloniale Ausbeutung stehen sollte, muss er unbedingt verworfen werden. Wenn er aber die Verteidigung universeller Werte meint, wirft er Fragen auf, die mit dem Aufkommen eines revolutionären dann napoleonischen Sendungsbewusstseins einen ersten Höhepunkt erreichten und noch heute manchen Relativismusstreit mit Argumenten versorgen. Oft weist der Begriff der Leitkultur eine starke identitätsstiftende Komponente auf, die ihn zum Katalysator nationaler Stereotypen prädestiniert, wovon Heines satirische Verse Zeugnis ablegen, in denen die populäre Bezeichnung « Land der Dichter und Denker » gegeißelt wird, da sie eine Verherrlichung und künstliche Vereinheitlichung der deutschen Gesellschaftsordnung implizierte. So heißt es 1844 in Deutschland, ein Wintermärchen: « Wir aber besitzen im Luftbereich des Traums / Die Herrschaft – unbestritten. Hier üben wir die Hegemonie. Hier sind wir unzerstückelt. »
Darüber hinaus ist gerade in Bezug auf Deutschland der Begriff der « Leitkultur » unbedingt vor dem Hintergrund einer konflikt- und schmerzensreichen Vergangenheit zu untersuchen und muss sich der Frage der Integration von Migranten in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft stellen, die die Lösung zahlreicher Probleme erforderlich macht. Kein Wunder also, wenn etliche Akteure des Kulturlebens und politische Entscheidungsträger diesen « Leitkultur »-Begriff am liebsten aus dem deutschen Wortschatz verbannen möchten. Und dies umso mehr, als die Diskussionen seit 2000 eine immer stärkere politische Brisanz aufwiesen, zumal sie durch die Äußerungen des Abgeordneten F. Merz zur Migrantenfrage deutlichen Auftrieb erhielten, während die darauffolgenden Reaktionen im weiteren Kontext der Diskussionen über Fragen zur nationalen Identität verliefen.
Man darf also einerseits die verheerenden Folgen einer Kultur, deren Selbstverständnis ein auf hegemoniale Bestrebungen hinauslaufendes Überlegenheitsgefühl impliziert, nicht wegdiskutieren und muss andrerseits dem Bedürfnis nach Bekenntnis und Stellungnahme zu bestimmten Werten Rechnung tragen.

Angesichts solcher Aporien ist es nicht unsere Absicht, den Begriffen herrschende Kultur und Subkultur(en), Monismus und Pluralismus, Hegemonie und Dissidenz, Modell und Gegenmodell einem binären Oppositionsschema zugrunde zu legen. Es scheint für unsere Forschungszwecke von größerer Bedeutung zu sein, die fruchtbaren Spannungen im dialektischen Verhältnis zwischen zwei Kulturformen aufzuzeigen, aus denen sich Kunstschöpfungen, bahnbrechende Debatten und Interferenzen zwischen Zentrum und Peripherie, Mehrheiten und Minderheiten ergeben mögen. Eine solche Fragestellung setzt nicht nur die Analyse abstrakter Werte oder Begriffe voraus, sondern auch die ihrer konkreten Auswirkungen auf Literatur, Theater und Film, Lehre, Religion sowie politische Parteien. Sie scheint uns also geeignet, künstlerische, kulturelle oder historische Gebilde in deutschsprachigen Kulturräumen zu untersuchen.
Kann eine bestimmte « Leitkultur », sofern sie von Eliten geschaffen wurde, dem Erwartungshorizont einer breiteren Öffentlichkeit angepasst und zugänglich gemacht werden? Eine solche Frage könnte man beispielsweise an die von den Weimarer Dioskuren konzipierte deutsche Klassik richten: denn diese bekämpfte zugleich die dogmatische Strenge der Spätaufklärer, deren Ideologie auf die Festigung ihrer Vormachtstellung ausgerichtet war, und die zunehmenden affektbedingten Wirren im politischen Leben; die Auslegung der humanistischen, moralischen und ästhetischen Botschaft der Klassiker kann durch die Konfrontation mit dem Universalismus der Spätaufklärung nur gewinnen.
Wenn man an zeitgenössische Debatten denkt - hier seien stellvertretend J. Habermas, K.H. Bohrer oder P. Sloterdijk genannt -, kann man sich fragen, wie der « Verfassungspatriotismus » - ursprünglich als Bereicherung des traditionellen Patriotismus aufgefasst - im Laufe seiner Popularisierung zum bundesrepublikanischen Selbstzweck verabsolutiert wurde und wie sich dessen Bedeutung im Gefolge der Vereinigung wandelte. Wie kam es, dass eine damals vielversprechende, Ende der 1990er Jahre von Habermas vertretene « postnationale Konstellation » heute überdacht werden müsste, wenn sie nicht im Widerspruch zu neueren, von zahlreichen wissenschaftlichen und literarischen Produktionen konstatierten Identitätsbildungen stehen möchte ?


 

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